Dies ist die erste Ausgabe des neuen Anthrokritik Monatsrückblicks. Hier wird es ab jetzt monatlich eine Sammlung geben bestehend aus meinen neu veröffentlichten Inhalten (Podcast, Blog, Social Media), Themen zu denen ich mich ausgetauscht oder über die ich nachgedacht habe und was mir an Neuigkeiten und Aktivitäten aus der Anthroposophie-Welt in dem Monat begegnet ist. Für alle, die etwas verpasst haben und/oder nochmal nachlesen möchten. Für mich selbst um Sichtbar zu machen, was so alles los war. Und als ein Ort, an dem alles zusammen kommt, jenseits von den Social Media Plattformen.
Dieser Mai eignet sich als Start für diese Rubrik perfekt. Denn ich hatte einen kleinen Jahrestag zu feiern, mein Podcast hat nach langer Pause eine neue Episode bekommen, auf Social Media habe ich zu mehreren aktuellen Themen geschrieben und ein Buch mit Bezug zu Waldorf vorgestellt. Und auch sonst war einiges los.
Die ausführlichen Themen
Am 22. Mai ist es nach fast 6 Monaten Pause endlich in meinem Podcast “Bye Bye Anthroposophie Waldorf und Co” voran gegangen. In der Episode #12 ging es um den Handarbeitsunterricht an Waldorfschulen, ein bisschen Wissenschaft zum Thema Handarbeit und die Erziehungskunst Headline “Masche für Masche – Waldorfpraxis durch Forschung belegt”. Was da genau belegt wurde, und was eher nicht, habe ich mir genauer angeschaut. Zu hören überall wo es Podcasts gibt oder direkt hier auf meinem Blog: #12 Handarbeitsunterricht und eine dreiste Headline. Eine neue Episode aufzunehmen hat mir viel Spaß gemacht und ihr bekommt ab jetzt wieder regelmäßig, alle 14 Tage am Freitag, etwas Neues auf die Ohren.
Ende April habe ich auf Instagram mehrere Fragen zum Thema Eurythmie beantwortet. Das Thema hat sich bis in den Mai gezogen und ich habe ein Instagram Highlight draus gemacht. Warum gibt es an Waldorfschulen noch Eurythmie? Was ist das überhaupt? Wieso wird Heileurythmie bei gefühlt allem eingesetzt? Und wieso ich es nicht für sinnvoll halte, Eurythmie als eine nicht-anthroposophische Kunstform zu adaptieren. Im Instagram Highlight Eurythmie findet ihr auch einige Videos und meine “Eurythmie Unterricht Grundausstattung”.
Etwas zum Feiern
In letzter Zeit habe ich privat mehrfach drüber gesprochen wie ich mit meiner Anthroposophie Kritik angefangen habe und seit wann ich das eigentlich mache. Dafür habe ich geschaut, wann genau ich den ersten Beitrag zu dem Thema geschrieben habe. Am 29. Mai 2022. Also vor 4 Jahren. Ich habe diesen Jahrestag zum Anlass genommen, meinen damaligen Beitrag in gekürzter Form und minimal verändert erneut zu teilen. Es ging um Geborgenheit und Anpassung in der Waldorfschule. Ihr findet den neuen Beitrag auf Bluesky und Instagram. Durch eine kleine Fragerunde ist mir bewusst geworden, wie viel in diesen 4 Jahren passiert ist, was ich alles gelernt und wie sehr ich mehr zu mir geworden bin. Mal schauen, was die nächsten Jahre so bringen.
Ich habe noch etwas gefeiert: den ersten Waldorfroman. Geschrieben von der ExWaldi Suse Seidel. “Der Kreis aus dem ich fiel” ist ein Coming of Age Roman. Es geht um eine Jugendliche einer anthroposophischen Familie die durch eine neue Schülerin an der Waldorfschule aus ihrer sehr abgeschotteten anthro Welt in das “da draußen” blicken kann. In der daraus entstehenden inneren Auseinandersetzung, den Zweifeln, der Hoffnung und den Schuldgefühlen habe ich mich sehr gesehen gefühlt. Im Blurb, den ich für das Buch schreiben durfte, sage ich: “Eine Repräsentation, von der ich nicht wusste, wie sehr ich sie brauche”. Große Empfehlung von mir für dieses Buch. Für ehemalige Waldorfschüler*innen und auch alle anderen! “Der Kreis aus dem ich fiel” von Suse Seidel ist für 14,99€ im Buchhandel erhältlich.
Verschiedene Themen, Personen und Ereignisse
Eine Followerin hat mir mehrere anthroposophische Flyer und Broschüren zugeschickt. Einige der anthroposophischen Urlaubsangebote habe ich in einem BlueSky Beitrag geteilt. Den Flyer zur Trauung der Christengemeinschaft habe ich auf meinen Social Media Accounts etwas genauer angeschaut. In dem Flyer schreiben sie, dass es in unserer Gesellschaft heute keine Erwartungen oder inhaltlichen Vorgaben an Eheleute mehr geben würde. Und das auch die Christengemeinschaft keine Vorgaben machen würde. Sie schreiben aber auch: “soll nun der Mann der Frau voranleuchten […]soll die Frau dem Mann folgen. Der Mann soll einen Weg sichtbar machen, den er nicht selbst bestimmt; die Frau soll lernen, sich in ihrer eigenen religiösen „Leuchtkraft“ einem Anderen anzuschließen.“ Tja nun. Hallo Patriarchat und Heteronormativität. Ein paar Gedanken und mehr Einblicke bekommt ihr in meinem Bluesky Beitrag. Und falls ihr bisher noch nicht von anthroposophischen Urlaubsangeboten gehört habt, schaut doch mal in diesen Bluesky Beitrag von mir rein. Dort teile ich einige der Flyer.
Auf dem Instagram Account der Waldorfschule Engelberg wurde im Mai ein Video mit Boris Palmer veröffentlicht. Er erzählt dort, wie schön seine eigene Schulzeit an der Waldorfschule Engelberg war: “Ich bin Waldorfschüler. Nicht ich war Waldorfschüler”. Im März war er dort zu einer Podiumsdiskussion als Gast geladen. Und offenbar in dem Zuge für das Instagram Video gefilmt. Dass Boris Palmer trotz wiederholter rassistischer, transfeindlicher und ableistischer Aussagen (mehr dazu in meinem Bluesky Beitrag) als passendes Aushängeschild gewählt wurde ist bemerkenswert. Entsprechende Kommentare unter dem Video hat die Waldorfschule bisher ignoriert. Palmers Weigerung einer Sportlerin für eine Ehrung eine Rampe für die Bühne zu organisieren und so die bestehende Barriere abzubauen macht eine Stellungnahme zu dem Thema aus meiner Sicht noch notwendiger. Und gleichzeitig vermutlich nicht angenehmer. So bleibt es für mich bei: die Waldorfschule Engelberg hat offenbar keine Probleme mit den Aussagen Boris Palmers.
Überraschendes und Fundstücke
Der Mai hat gezeigt, was vielen längst klar ist: nicht jede Anthroposophie und Waldorf Kritik ist unterstützenswert. Nicht nur, wenn sie von weit rechts kommt. Aber ganz besonders dann nicht. Wenn ein rechtes Medium Rudolf Steiner als “woke” bezeichnet vor dem “das Abendland” gerettet werden müsse, ist die Kommentarspalte dieses Mediums durchaus überraschend, interessant und irritierend bis erschreckend. Viel wichtiger ist aber: nur weil sie die gleichen Strukturen und Ideologie kritisieren macht man sich nicht damit gemein. Sollte von dieser Seite in Zukunft mehr Anthroposophie oder Waldorf Kritik kommen ist eine klare Haltung umso wichtiger. Die Fragen “Wer kritisiert? Mit welcher Haltung? Und Warum?” sind generell sinnvoll. Ebenso die Frage nach der eigenen Haltung und Position.
Bei meinen Recherchen mache ich regelmäßig Entdeckungen jenseits des eigentlichen Themas. Im Mai war das die Waldorf Kreditkarte der GLS Bank. Die Karte ist mittlerweile offenbar nicht mehr erhältlich. Sie wurde ca 2013 von der GLS Bank, dem Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland und Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners gemeinsam entwickelt. Mit der Nutzung unterstützte man Projekte der Freunde der Erziehungskunst, Waldorfschulen und die Waldorflehrer*innen Ausbildung in Deutschland. Die Karte hatte die typische Waldorf-Aquarellbild-Optik. In meinem Bluesky Beitrag könnt ihr sie euch anschauen.
Neues aus der Welt der Anthroposophie
Die GLS Bank war im Mai noch aus einem anderen Grund Thema: Ab dem Betreuungsjahr 2027/28 soll es auf dem Gelände der GLS Bank in Bochum eine neue Waldorf-Kita geben. Träger ist der Bochumer Waldorfkindergarten e.V., den Platz stellt die GLS Bank und die Idee kam von Mitarbeitenden der Bank. Mehr dazu in meinem Bluesky Beitrag. Die GLS Bank hat ihren Ursprung in den 1960er Jahren. Die Idee entstand aus der fehlenden Finanzierung einer Waldorfschule, stammt also direkt aus anthroposophischen Kreisen. Heute wird sie, trotz vieler unterstützter anthroposophischer Projekte, vielfach als nicht mehr anthroposophisch dargestellt. Wieso ich das anders sehe und das vielzitierte Statement der GLS Bank zu dem Thema mich nicht überzeugt, habe ich bereits Ende 2024 in diesem Beitrag auf Bluesky formuliert. Die jetzige Gründung einer Waldorf-Kita auf dem Gelände der Bank bestärkt mich in meiner Einschätzung, dass die GLS Bank nach wie vor zu den anthroposophischen Akteuren gezählt werden kann und sollte.
Die Waldorf KI “waldigpt” der Waldorfschule Klagenfurt hat bereits wenige Monate nach ihrem Start eine erste Veränderung durchlaufen: der anfangs verfügbare Community-Bereich ist nicht mehr Teil des Angebots. Im Community-Bereich konnten geführte Chats veröffentlicht und für alle einsehbar geteilt werden. Ich habe einige dieser veröffentlichten Chats gesehen und vermute, dass diese nicht im Sinne der Entwickler waren und der Community-Bereich deshalb nicht mehr Teil des Angebots ist. Über waldigpt habe ich im Januar mehrere Beiträge geschrieben. ”Teil 1 was ist das und von wem kommt´s?” auf Instagram und Bluesky ”Teil 2 Quellen von und bei waldigpt” auf Instagram und Bluesky ”Teil 3 die kuratierten Inhalte von waldigpt” auf Instagram und Bluesky
Der Mai-Newsletter vom Bund der Freien Waldorfschulen hat mich nach der Beschäftigung mit waldigpt nur noch ein wenig überrascht. Bereits der Titel “Erkunden. Erproben. Weitermachen. KI an Waldorfschulen” macht deutlich, dass die Haltung gegenüber KI nicht annähernd so kritisch ist wie gegenüber elektronischen Medien und insbesondere Bildschirmmedien. Hat mich diese Haltung anfangs noch überrascht ergibt sie doch einen Sinn: KI kann immerhin eine Umgebung schaffen, die Steiners Ideen leicht zugänglich macht und das eigene anthroposophische Weltbild bestätigt und weiter festigt.
Auf Bluesky haben wir uns über einen Artikel der Erziehungskunst ausgetauscht: Waldis bei der Bundeswehr. Insbesondere der Vergleich “die Grundausbildung der Bundeswehr hat etwas von einer sehr langen Waldorfschul-Klassenfahrt” hatte es mir angetan. Die häufige und offenbar gewollte Überforderung der Schüler*innen bei den Klassenfahrten an Waldorfschulen war im Rahmen einer Instagram Community Challenge im Sommer 2023 schon sichtbar geworden. Die damaligen Erfahrungsberichte und Ausschnitte aus anthroposophischen Texten könnt ihr im Highlight “Klassenprojekte” auf Instagram nachlesen. Ausschnitte aus dem aktuellen Erziehungskunst Artikel findet ihr auf Bluesky.
Betroffen gemacht hat mich ein Tagesschau Artikel: eine anthroposophische Einrichtung in Kassel muss wegen sexuellem Missbrauch schließen. Wie weit derartige Fälle und Gerüchte, denen nicht nachgegangen wurde, in dieser Einrichtung zurückgehen, ohne dass nachhaltig etwas verändert wurde, hat mich wütend gemacht. Leseempfehlung für den Artikel, auch wenn er aufgrund des Themas nicht leicht zu lesen ist. Insbesondere im Kontext von Menschen mit Behinderungen ist die anthroposophische Vorstellung zu Karma, Reinkarnation und dem “Wert” von Krankheiten wichtig. Ich habe anlässlich dieses Artikels daher meine Kurzbeschreibung zu Karma und Reinkarnation in der Anthroposophie wieder hochgeholt. Ihr findet den Beitrag auf Instagram und Bluesky.
Ausblick
Im Juni werde ich inhaltlich die systemische Ebene der Waldorfwelt im Fokus haben. Waldorfinstitutionen, das Leitbild und wie individuell und unabhängig Waldorfschulen eigentlich wirklich sind ist im Austausch und insbesondere in Diskussionen mit Waldorf-Befürworter*innen immer wieder Thema. Im Juni schaue ich mir die Thematik daher einmal etwas ausführlicher an. Darüber hinaus gilt wie immer: Themen, Motivation und Energie finden mich oft spontan. Es wird also für uns alle eine Überraschung.
Falls noch nicht geschehen: folge mir gerne auf Instagram oder Bluesky und abonniere meinen Podcast “Bye Bye Anthroposophie Waldorf und Co” auf deiner bevorzugten Podcast Plattform.
Bis demnächst, Robin.
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