Ich habe Suse Seidel, Autorin des ersten Waldorfromans, einige Fragen gestellt. Für mich als Waldorfkind eine Repräsentation, die ich bisher nicht kannte. Klare Leseempfehlung für alle ExWaldis, alle Interessierten und alle, die irgendwie mit Waldorf zu tun haben.
Suse Seidel hat mir die Fragen schriftlich beantwortet.
Robin: Du hast den ersten Waldorfroman aus ExWaldi Perspektive geschrieben. Wie fühlt sich das an?
Suse: Es fühlt sich gut an und ich bin sehr erleichtert, dass das Thema nun in der Welt ist, es war ein sehr großer Wunsch von mir, ein innerer Drang, wie ein Auftrag, den ich erfüllen musste.
Wie bist du auf die Idee für deinen Roman gekommen?
Ich habe schon als Kind angefangen Tagebuch zu führen und meine Gedanken aufzuschreiben. Als Jugendliche habe ich davon geträumt, einen Roman zu schreiben und auch angefangen, bin aber nicht darüber hinausgekommen. Ich habe dann studiert und gearbeitet, aber das Thema des Schreibens hat mich nie losgelassen. Nachdem mein Kind geboren wurde, 2015, da war ich 38, habe ich zufällig die Nachbarin meiner besten Freundin getroffen, die als Lektorin gearbeitet hat und ebenfalls in Elternzeit war. Wir kamen darauf zu sprechen, dass ich eigentlich auch immer schon schreiben wollte und sie ermutigte mich, damit anzufangen.
So habe ich dann meine ersten Versuche gestartet und in den darauffolgenden Jahren einen Monsterroman von 1000 Seiten geschrieben, der sehr autobiographisch geprägt war. In diesem Roman hat die Waldorfschule und meine anthroposophische Erziehung einen riesigen Raum eingenommen und ich habe gemerkt, dass ich darüber schreiben muss, um der Welt zu zeigen, wie krass es ist, als Waldorfkind groß zu werden. Es waren aber noch viele andere Themen meiner Lebensgeschichte in diesem Roman und ich habe gemerkt, dass das zu viel auf einmal ist und sich so nicht veröffentlichen lässt.
Ich habe dann eine Schreibausbildung gemacht und das Handwerk des Romanschreibens gelernt. Im Zuge dessen habe ich mich entschieden, die Themen meines Lebens in einzelnen Romanen zu verarbeiten und sehr viel mehr zu fiktionalisieren als zuvor. Und so ist die Geschichte von Magdalena entstanden und ein Roman, in dem es nur um das Thema „Aufwachsen im Waldorfkontext“ geht.
In der Realität wird meist nicht so offen mit den anthroposophischen Themen umgegangen wie es in deinem Roman in der Familie der Fall ist. Was hat dich dazu bewogen, es im Roman auf diese Weise zu handhaben?
Ich wollte, dass die Leser*innen verstehen, was hinter dem Umgang mit den Kindern auf der Waldorfschule steckt und warum der Lehrplan so aufgebaut ist. Ich wollte die Anthroposophie dahinter sichtbar machen, weil an Waldorfschulen gerne behauptet wird, sie würden keine Anthroposophie lehren, als hätte das gesamte Schulkonzept nichts damit zu tun und das stimmt einfach nicht, das Gegenteil ist der Fall.
Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet?
Also 2016 habe ich angefangen zu schreiben, seitdem verfolgt mich dieses Thema, auch wenn ich nicht immer inhaltlich daran gearbeitet habe, sondern auch andere Projekte zwischendurch hatte. Dass ich mich richtig auf den Romanstoff fokussiert habe, begann in der Autorenausbildung, wobei ich auch dort erstmal einen anderen Roman entwickelt habe und das Waldorfthema hintenangestellt habe. Aber es hat mich nicht losgelassen, es hat mich gequält und immer ganz laut gerufen, dass es bearbeitet werden will, wie ein Zwang schon fast und dann habe ich mich schlussendlich an den Stoff gesetzt, ich habe kapituliert quasi und habe zwei Jahre intensiv daran gearbeitet, also zwei bis drei Jahre waren es schon, mit allem drum und dran.
Was hat dir beim Schreiben geholfen? Gibt es etwas, was du über deinen Schreibprozess teilen möchtest?
Ich musste viele Pausen machen, weil mich der Stoff natürlich extrem triggert, deswegen habe ich ihn auch immer so vor mir hergeschoben. Ich wollte mich eigentlich nicht wieder damit beschäftigen, ich bin ja froh, dass die Waldorfwelt in meinem aktuellen Leben nicht vorkommt und ich wollte sie natürlich nicht wieder reinholen, aber ich musste eben und das war psychisch sehr belastend für mich. Mir hat die Traumatherapie geholfen, die ich zum Glück während des Schreibprozesses gemacht habe und die Methoden, die ich dort gelernt habe, um mich aus Dissoziationen und Emotionalen Flashbacks wieder raus zu holen.
Was war im Schreibprozess besonders schwer?
Das Leben im Hier und Jetzt noch genießen zu können war sehr schwer, da ich durch den Stoff immer wieder in die Vergangenheit und die damit verbundenen quälenden Gefühle geholt wurde.
Hat dir das Schreiben bei der Aufarbeitung deiner eigenen Erfahrungen geholfen?
Nein. Ich hatte meine Erfahrungen schon sehr gründlich in einer früheren Therapie, da war ich 25, aufgearbeitet und das Thema war wirklich erledigt für mich. Gerade deswegen war es umso schwerer, es trotzdem wieder hervor zu holen, weil eigentlich keine Notwendigkeit dazu bestand, außer dieser Zwang, darüber schreiben zu müssen.
Hat sich durch den Roman etwas verändert? Sind jetzt nach Fertigstellung deines Romans für dich die Themen Anthroposophie, Waldorf und Aufarbeitung anders als vorher?
Emotional hat sich leider nichts verändert. Die Themen sind nach wie vor Triggerthemen und ich möchte mich nach wie vor am liebsten nicht damit beschäftigen. Inhaltlich hat sich ein wenig was verändert, ich habe mir durch die Recherche für den Roman noch mehr Hintergrundwissen angeeignet, was ich aber auch schon wieder vergesse, da ich leider alles sofort vergesse, womit ich mich nicht kontinuierlich beschäftige.
Wieviel Suse steckt in Magdalena und wie viel Magdalena in Suse?
Magdalena ist vom Typ her vollkommen anders als ich und sie hat in der Schule zum Teil andere Probleme, als ich hatte. Was aber ihre Gefühle und die inneren Auseinandersetzungen und ihre Ängste und Schwierigkeiten angeht, ist sie schon so, wie ich es auch als Kind und Jugendliche erlebt habe.
Was hättest du gerne noch mit in den Roman reingenommen, hatte aber am Ende keinen Platz mehr?
Eine einzige Sache habe ich vergessen zu thematisieren, was mir noch wichtig gewesen wäre: das ist dieser mysteriöse „Rubikon“ von dem Rudolf Steiner spricht, wenn die Kinder so ca 9 Jahre alt sind. Das ist mir schlicht durchgerutscht, vielleicht kannst du dazu ja mal etwas machen? Aber ansonsten ist wirklich alles drin, was waldorftypisch ist und was mir wichtig war. Für mich ist der Roman vollständig und rund. Zum Glück, ansonsten würde ich mich auch nicht wohl fühlen damit.
Wer sollte deinen Roman unbedingt lesen?
Mein heimlicher Wunschtraum wäre, dass mein Roman als Underdog an jeder deutschsprachigen Waldorfschule kursieren würde, was natürlich quatsch ist, weil ich selber weiß, wie sehr die Waldorfwelt auch von den Schüler*innen gegen Kritik verteidigt wird. Außerdem würde ich mir wünschen, dass alle Eltern diesen Roman lesen und auch die, die noch überlegen, ob Waldorf eine Option für ihre Kinder wäre. Und alle Waldorflehrer*innen natürlich auch und am liebsten jede Waldorfeinrichtung und Waldorfausbildungsstätte und einfach alle, damit bekannt wird, was dort vom Staat finanziert wird … Utopien, ich weiß.
Was wünschst du dir im Umgang mit Anthroposophie und insbesondere Waldorf?
Ich wünsche mir, dass gesehen wird, auf welchem Welt- und Menschenbild die Waldorfschulen aufgebaut sind und dass Rudolf Steiner ein wissenschaftsfeindlicher, rassistischer, esoterischer Guru war. Ich wünsche mir, dass den Waldorfschulen die Lizenz entzogen wird und nicht jedes Jahr um die 300000 Kinder weltweit diesem System ausgeliefert sind.
Du hast deinen Roman im Selfpublishing veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Ich habe mich bei ca dreißig Literaturagenturen beworben, dass ist der klassische Weg. Die Literaturagenten kümmern sich dann um die Verlagssuche und um alles, was einen vom Schreiben abhält. Niemand wollte den Roman veröffentlichen und so habe ich mich fürs Selfpublishing entschieden.
Wie geht es jetzt für dich weiter?
Ich werde noch das Hörbuch einsprechen und danach mache ich mich an die Überarbeitung meines ersten Romans, den ich vor dem Waldorfroman geschrieben habe und werde ihn hoffentlich noch dieses Jahr veröffentlichen. Darin wird es um ein gänzlich anderes Thema gehen. Das Waldorfthema ist mit diesem Roman für mich abgeschlossen. Und danach werde ich hoffentlich endlich wieder Zeit haben, mich an meinen dritten Roman zu setzen.
Über das Buch
Ein gerade frisch erschienener Coming of Age Roman geschrieben von Suse Seidel, selbst ExWaldi.
Magdalena ist 15, wächst in einer anthroposophischen Familie inklusive Waldorfschule auf und hat kaum Kontakt nach außen. Durch eine neue Schülerin bricht diese Abschottung und Magdalena lernt “die Welt außen” und die Begrenztheit ihrer bisherigen Welt kennen. Es beginnt ein sich selbst Kennenlernen, begleitet von Zweifeln, innerer Auseinandersetzung, Verzweiflung und neuer Hoffnung.
Titel: Der Kreis aus dem ich fiel
Autorin: Suse Seidel
Erscheinungsdatum: Mai 2026
ISBN: 9783695729371
Softcover: 14,99€ überall im Buchhandel, bspw. im Autorenwelt Shop
Ebook: 4,99€ über all im Buchhandel
Rezensionsexemplare sind über Books on Demand verfügbar
Über die Autorin
Suse Seidel, geboren 1977 in Hamburg, wuchs
in der Waldorf- und Anthroposophiebewegung auf. Sie studierte
Sprachen sowie Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie
und besuchte die Autorenschule Schreibhain in Berlin. Sie lebt und
schreibt in ihrer Wahlheimat Dresden. „Der Kreis, aus dem ich fiel“
ist ihr Debütroman.
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